Berghain seit 2004, LiveKomm seit 2011, APPLAUS seit 2013: Wie sich die DACH-Live-Klub-Welt organisiert
Zwischen Friedrichshainer Heizkraftwerk, Berliner Verbandsbüro und Bundeskultur-Förderung hat sich seit Mitte der 2000er-Jahre ein Geflecht entwickelt, das die Klein-Live-Klub-Welt erst sichtbar machte — und das jetzt im Stress-Test steht.
Die Geschichte der DACH-Live-Klub-Welt der vergangenen zwei Dekaden lasse sich an drei Daten erzählen. 2004: Norbert Thormann und Michael Teufele eröffneten in einem stillgelegten Heizkraftwerk am Friedrichshainer Wriezener Bahnhof das Berghain. 2011: In Berlin gründete sich aus dem Clubcommission-Umfeld und mit Beteiligung norddeutscher und süddeutscher Spielstätten der Bundesverband LiveKomm. 2013: Die Initiative Musik gGmbH, die ihrerseits 2007 in Berlin durch die Staatsministerin für Kultur und Medien sowie die Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten gegründet worden sei, vergab erstmals den Spielstättenprogrammpreis APPLAUS. Diese drei Daten markierten den Übergang einer randständigen Szene zur subventionierten, verbandlich organisierten und kulturpolitisch sichtbaren Live-Klub-Welt — und doch sei das Ergebnis ambivalent.
2004: Das Berghain und das Friedrichshainer Modell
Das Berghain habe seinen Mythos nicht aus dem Nichts gezogen. Thormann und Teufele hätten zuvor das Ostgut betrieben, einen 1998 eröffneten Klub in einem ehemaligen Bahnreparaturwerk an der Mühlenstraße, das im Februar 2003 für den Bau der O2 World (heute Mercedes-Benz Arena) abgerissen wurde. Die Verlegung in das Stromheizwerk an der Am Wriezener Bahnhof, ein DDR-Bau aus den späten 1950er-Jahren, sei zunächst pragmatisch gewesen. Das Erdgeschoss wurde zum Berghain mit seiner harten Techno-Linie und der Panorama Bar im Stockwerk darüber. Die rohe Industrie-Architektur, die Garderobe mit Türsteher-Selektion, die Lichtregie, die ausgedehnten Öffnungszeiten von Samstagnacht bis Montagmorgen — all das sei nicht primär als Marketing gedacht gewesen, sondern als räumliche Konsequenz dessen, was die Berliner Techno-Szene seit dem Tresor 1991, dem Ostgut 1998 und der E-Werk-Phase entwickelt habe.
Die kulturpolitische Anerkennung des Berghains kam 2016 mit dem Beschluss des Finanzgerichts Berlin-Brandenburg, das den Klub als Kultureinrichtung einstufte und damit den reduzierten Mehrwertsteuersatz von 7 % auf den Eintritt anwendete — analog zu Theatern und Konzerthäusern. Das Urteil sei für die gesamte deutsche Klub-Welt ein Wendepunkt gewesen, weil es die Argumentation legitimierte, dass kuratierte elektronische Musik in dafür gewidmeten Räumen kulturell mit anderen Hochkulturformen vergleichbar sei. Die LiveKomm habe diesen Befund seither systematisch genutzt, um die Subsumtion von Klein-Live-Klubs unter den Kulturbegriff voranzutreiben.
2011: LiveKomm und die Verbandskonstituierung
Die LiveKomm — der Bundesverband Musikspielstätten in Deutschland — sei 2011 in Berlin gegründet worden, als Reaktion auf die Erfahrung, dass die deutsche Klein-Klub-Welt sich gegenüber der GEMA, gegenüber der Politik und gegenüber den Bauordnungsämtern nicht einzeln durchsetzen könne. Die Initiative gehe auf die Berliner Clubcommission (gegründet 2000) zurück, die zusammen mit der Hamburger Clubkombinat (2004) und anderen lokalen Verbänden das Modell des Bundesverbandes vorbereitet habe. Aktuell zähle die LiveKomm rund 540 Mitgliedsspielstätten in ganz Deutschland, was sie zum größten Spielstätten-Verband Europas mache.
Die Arbeit der LiveKomm habe sich seither auf drei Hauptfelder konzentriert: die Verhandlungen mit der GEMA über den Tarif M-V (Musikwiedergabe bei Veranstaltungen mit Eintritt), die Lobbyarbeit gegenüber dem Bund hinsichtlich Förderprogrammen, und die fachliche Stellungnahme zu Bauordnungsfragen, insbesondere zur Versammlungsstättenverordnung (MVStättVO) und ihrer 200-Personen-Schwelle. Hinzugekommen seien in den letzten Jahren das Awareness-Konzept (Schutz vor sexualisierter und rassistischer Gewalt in Klub-Räumen) und die Nachhaltigkeitsberatung (Stromverbrauch der Soundanlagen, Wärme-Rückgewinnung, biologisch abbaubare Becher).
2013: APPLAUS und die Bundes-Förderung
Der Spielstättenprogrammpreis APPLAUS sei 2013 erstmals vergeben worden. Träger sei die Initiative Musik gemeinnützige Projektgesellschaft mbH, die 2007 in Berlin durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) und die Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten (GVL) gegründet wurde. Der APPLAUS habe die Funktion gehabt, jene Spielstätten zu prämieren, die ein anspruchsvolles, nicht-mainstream-orientiertes Programm bieten — also die typische Klein-Musik-Kneipe mit 80, 150 oder 300 Plätzen, die mehrmals wöchentlich Konzerte mit jungen Bands, Singer-Songwriter-Acts oder Jazz-Trios biete und damit selten kostendeckend operiere.
Die Höhe des APPLAUS variiere je nach Programm-Frequenz und Spielstätten-Größe. Die Hauptpreise bewegten sich, so die Auskunft der Initiative Musik, zwischen 15.000 und 45.000 Euro. Für eine Klein-Klub-Spielstätte sei das eine substanzielle Hilfe, die oft den Unterschied zwischen Programmflucht und Programmtreue mache. Die Vergabe-Kriterien umfassten unter anderem: Vielfalt der Genres, Anteil junger Künstlerinnen und Künstler (definiert über das Alter beim ersten Konzert), regionale Verankerung, soziale Eintrittsstaffelung. Die Jury setze sich aus Vertretern der Spielstätten-Verbände, Musikjournalismus und Veranstaltungspraxis zusammen.
Robert Johnson seit 1999, Pratersauna seit 2008
Neben dem Berghain seien in der DACH-Region weitere Klein-Klub-Spielstätten zu Referenzen geworden, die das Tresen-und-Bühne-Modell weitergedacht hätten. Das Robert Johnson in Offenbach am Main, seit 1999 von Ata Macias betrieben, sei zur internationalen Referenz für House-Programmierung in einem mittelgroßen Raum geworden — rund 200 Plätze, kein VIP-Bereich, klare Booking-Linie, lange Sets. Das Pratersauna in Wien, seit 2008 als Klub und Sommer-Open-Air-Areal im Prater betrieben, habe das Modell der Tageslicht-Tanzfläche etabliert, das später vom Kater Blau in Berlin und vom Salzhaus in Winterthur aufgegriffen worden sei.
Diese Spielstätten teilten eine Eigenheit, die für die DACH-Live-Klub-Welt typisch geworden sei: die kuratorische Konsequenz. Statt einer beliebigen Bespielung mit Major-DJs setze man auf Resident-Programme, Reihen-Konzepte (mittwochs Jazz, donnerstags Lesungen, samstags die Haupt-Linie) und auf eine über Jahre gewachsene Beziehung zwischen Booking-Team und Künstler-Roster. Das Berghain mit seinen Residents Marcel Dettmann, Ben Klock und Norman Nodge habe das Modell prominent gemacht; das Robert Johnson mit Ata und Roman Flügel habe es im House-Spektrum etabliert; das Conne Island in Leipzig (seit 1991) habe es für die Indie-, Hardcore- und Punk-Szene durchexerziert.
GEMA Tarif M-V und der dauerhafte Streit
Der GEMA-Tarif M-V (Musik-Veranstaltungen) sei seit über einem Jahrzehnt das zentrale Streit-Feld zwischen LiveKomm und Verwertungsgesellschaft. Der Tarif greife bei Veranstaltungen mit Tonträger- oder Live-Wiedergabe und bemesse sich grundsätzlich am Bruttoeintritt sowie an der Veranstaltungsgröße. Die Sätze hätten sich zuletzt im Korridor zwischen rund 5 und 12 % des Bruttoumsatzes bewegt, je nach Kategorie und Sondervereinbarung. Die LiveKomm habe wiederholt argumentiert, dass diese Sätze für die Klein-Klub-Welt mit ihren engen Margen existenzbedrohend seien, insbesondere wenn die Eintrittsschwelle niedrig gehalten werde, um junge Publikum-Schichten zu erreichen.
Die GEMA wiederum verweise auf den Auftrag, die Urhebervergütung sicherzustellen, und betone, dass der Tarif M-V dem Grundsatz der angemessenen Vergütung folge. Der Konflikt sei strukturell. Er werde in regelmäßigen Tarifrunden verhandelt, zuletzt in der Tarifrunde 2022/2023, die zu einer leicht abgesenkten Eingangsschwelle für kleinere Spielstätten führte, jedoch die grundsätzliche Logik unverändert ließ.
MVStättVO 2005 und die 200-Personen-Schwelle
Die Versammlungsstättenverordnung (MVStättVO) der Länder, die in der Muster-Fassung seit 2005 als bundesweit empfohlener Standard gelte, definiere ab 200 Personen Personenfassung eine Versammlungsstätte mit zusätzlichen Auflagen — Brandschutzkonzept, Sicherheitsbeauftragte, Räumungsplan, ggf. Veranstaltungstechniker mit Sachkundenachweis. Diese Schwelle sei für die Klein-Klub-Welt ein zentraler Planungs-Faktor. Viele Spielstätten würden ihre Personenfassung bewusst unter 199 ausweisen, um die MVStättVO-Pflichten zu vermeiden — was bauordnungsrechtlich legitim sei, aber das Wachstum beschränke.
Die LiveKomm argumentiere seit Jahren für eine Klein-Klub-spezifische Anpassung, etwa eine reduzierte Sachkunde-Anforderung für Spielstätten zwischen 200 und 400 Personen. Die Bauordnungsministerien der Länder hätten sich diesem Anliegen bislang nur in Einzelfällen geöffnet — Berlin habe 2018 eine Erleichterung für kleinere Klubs eingeführt, Hamburg habe 2021 nachgezogen, Bayern halte an der Muster-Fassung fest.
Was bleibt, was offen ist
Die Trias Berghain–LiveKomm–APPLAUS habe die DACH-Live-Klub-Welt sichtbarer, organisierter und förder-fähiger gemacht. Aber sie habe auch eine Zwei-Klassen-Struktur erzeugt: die kulturell anerkannten und APPLAUS-prämierten Spielstätten auf der einen Seite, und die Klein-Musik-Kneipen in Klein- und Mittelstädten ohne Verbandsanbindung auf der anderen. Die LiveKomm versuche, diese Lücke durch Regional-Strukturen zu schließen, aber die strukturelle Asymmetrie zwischen Berliner und Hamburger Klub-Welt einerseits und der süddeutschen, ostdeutschen und österreichischen Klein-Stadt-Klub-Welt andererseits bleibe bestehen.
Hinzukomme die Frage, wie sich das Modell der kuratierten Spielstätte gegen die Plattform-Ökonomie behaupte. Wenn DJs ihre Sets auf SoundCloud, Mixcloud und Resident Advisor veröffentlichten, werde die räumlich gebundene Klub-Erfahrung zu einer Eventerfahrung neben anderen. Die Berliner Klub-Welt habe in der Pandemie 2020/2021 erlebt, dass die digitale Substitution nur in engen Grenzen möglich sei — das physische Tanzen im physischen Raum bleibe der harte Kern.
Die süddeutsche und die österreichische Linie
Die süddeutsche und österreichische Linie der Live-Klub-Welt operiere unter teilweise abweichenden Bedingungen. In München prägten Spielstätten wie das Milla (seit 2009, Indie- und Singer-Songwriter-Fokus), das Strom (seit 2014 als Nachfolge-Spielstätte des Atomic Café), und der Ampere im Muffatwerk (seit 2002 als Teil des Muffatwerk-Komplexes) das Klein-Klub-Profil der bayerischen Landeshauptstadt. Die strengere bayerische Sperrzeit (5:00 bis 6:00 Uhr in der Regel) und die strikteren Bauordnungs-Anwendungen machten die Münchner Klub-Welt zu einer eher früh-takt-orientierten Szene — Konzerte mit Beginn 20:00 oder 21:00, Endzeit oft vor 2:00 Uhr.
In Wien sei das Profil anders. Das Flex am Donaukanal (seit 1995), die Pratersauna im Prater (seit 2008), das Grelle Forelle (seit 2011), das Werk und das Fluc am Praterstern bildeten eine dichte Klub-Landschaft, die sich an die Sperrstunden-Variabilität der Wiener Gewerbeordnung anpasse. Die Wiener Klub-Welt habe in den 2010er-Jahren eine eigene Profilierung entwickelt — weniger Berlin-orientiert als selbstbewusst donauraum-zentriert, mit Verbindungen nach Budapest, Prag und Bratislava.
In der Schweiz prägten das Helsinki Club (Zürich, seit 1996), das Salzhaus in Winterthur (seit 1998), das Mokka in Thun und das Reitschule-Klub-Areal in Bern (seit 1987) das Klein-Klub-Profil. Die Schweizer Klub-Welt operiere unter kantonalen und kommunalen Bewilligungslogiken, die zum Teil deutlich klub-freundlicher seien als die deutschen Länder-Regeln — Zürich habe seit 2018 die Initiative Nachtkultur als kommunale Förder-Linie etabliert, Bern habe die Reitschule als kulturpolitisch geschütztes Areal anerkannt.
Awareness und die Klub-Kultur der Sicherheit
Eine der wichtigeren Entwicklungen der letzten Jahre sei die Awareness-Bewegung, die seit ca. 2017 die DACH-Klub-Welt zunehmend präge. Awareness bezeichne in diesem Kontext den Schutz vor sexualisierter Gewalt, vor rassistischen Übergriffen, vor diskriminierendem Verhalten innerhalb des Klub-Raums. Awareness-Konzepte umfassten geschulte Awareness-Teams (oft ehrenamtlich oder geringfügig vergütet), klare Verhaltensregeln am Einlass, Vertrauenspersonen während der Veranstaltung, und Notfall-Protokolle für sexualisierte Vorfälle.
Die LiveKomm habe seit 2020 ein Awareness-Beratungsprogramm für ihre Mitgliedsspielstätten aufgebaut. Berliner Klubs wie das about blank, die Wilde Renate und das ://about party konzept hätten Awareness-Strukturen früh etabliert; in Wien hätten das Fluc und das Werk eigene Awareness-Konzepte entwickelt. Die Bewegung sei kulturell wirksam, aber operativ herausfordernd — die Personalkosten für geschulte Awareness-Teams seien für Klein-Spielstätten kaum durch Eintrittspreise refinanzierbar.
Was die nächsten Jahre prägen wird
Die DACH-Live-Klub-Welt sei seit 2004, 2011 und 2013 organisierter geworden — und gleichzeitig stehe sie unter einem Druck, der mit Verbandsstrukturen allein nicht zu beantworten sei. Die Mietkosten in den Innenstädten, die Förder-Lage der Länder und Bundeskasse, die GEMA-Tarifrunden, die Generationenfrage des Personals — diese Variablen würden in den nächsten fünf Jahren entscheiden, ob das Geflecht aus Berghain-Mythos, LiveKomm-Lobbying und APPLAUS-Förderung tragfähig bleibe.
Eine vorsichtige Prognose lasse sich formulieren: Die anerkannte, geförderte, verbandsorganisierte Spielstätte werde sich stabilisieren, möglicherweise sogar wachsen. Die ungeförderte Klein-Stadt-Spielstätte ohne Verbandsanbindung werde es schwerer haben. Die Vielfalt der Klub-Welt werde damit nicht zwingend wachsen, sondern sich verlagern — vom organischen Wildwuchs zur strukturierten Förder-Landschaft. Ob das ein Gewinn oder ein Verlust sei, hänge davon ab, wie die DACH-Region die Förder-Bedingungen ausgestalte. Die nächste Tarifrunde mit der GEMA, die nächste APPLAUS-Vergabe, die nächste MVStättVO-Reform werden Antworten geben.